Vorsicht! Scharlatane!

Die Menschen, mit denen ich mich am häufigsten über philosophische und spirituelle Themen unterhalte, sind auf der einen Seite Okkultisten und praktizierende Logenmitglieder und auf der anderen Seite Skeptiker und Atheisten.
Daher finde ich die sich aktuell immer mehr verhärtende „Front“ zwischen zB. Skeptikern und (nur als Beispiel) „Homöopathiegläubigen“ auch, gelinde gesagt, doof.
Ich wähle dieses Wort – doof – recht bewusst. Denn es ist für mich das passenste Wort für diese Mischung aus arrogant-kindischer Besserwisserei und Fortschritt beschränkenden Allwissenheitsansprüchen, die ich eigentlich mit dem Mittelalter als abgehakt betrachtet glaubte.
Da brachte zB. Jan Böhmermann im Neo Magazin Royal einen Beitrag über Homöopathie und fand es unheimlich gewitzt, immer wieder darauf hinzuweisen, Homöopathie habe, über den Placebo-Effekt hinaus, keine wissenschaftlich nachgewiesene Wirkung.
Das wird allerdings weitaus weniger witzig, wenn man sich eingehender mit der Problematik und den Möglichkeiten befasst. ( Artikel zum Placebo-Effekt aus medizinischer Sicht ). Es gibt eigentlich nichts Besseres, was einem Patienten und seinem Arzt passieren kann, als ein wirksames Placebo. Dabei kann die Wirksamkeit überaus erstaunlich sein und weit über jene von Präparaten mit „wissenschaftlich nachgewiesenen Wirkstoffen“ hinaus reichen.
Sofort taucht in irgendwelchen Diskussionen zum Thema irgendein Homöopathie-Kritiker auf und sagt: „ja, aber wenn Leute nun glauben, dass sie ihren Krebs mit Zuckerkugeln heilen können, und dann am Krebs sterben! Im Grunde ist Homöopathie Mord!“
Entschuldigung, wenn ich das hart sage, aber das ist dann kein Mord, sondern Dummheit des Menschen, der seine Chemotherapie nicht durch Zuckerkügelchen ergänzt, sondern ersetzt. „Ja, aber wenn irgendwelche Scharlatane verzweifelten Menschen Heilung versprechen!“, rufen die Kritiker. Aber da haben wir ein anderes Problem: Heilversprechen sind verboten. Für Ärzte, für Scharlatane, für Homöopathen, für Friseure – egal für wen: wenn man in Deutschland jemanden dabei erwischt, dass er jemandem Heilung verspricht, dann ist das Heilversprechen das juristisch relevante Problem, nicht die Methode, anhand derer dieser Heilversprecher Heilung verspricht 😉 Wer dagegen was tun will, hat juristische Grundlagen und den Rechtsstaat auf seiner Seite. Allerdings gibt es noch einen anderen Aspekt: die meisten verzweifelten Menschen sind die, die schulmedizinisch als austherapiert gelten und denen man vom wissenschaftlichen Standpunkt aus keine Hoffnungen auf Heilung mehr machen kann. Wenn so jemand jetzt durch Zufall an ein Placebo geraten könnte, das seine Selbstheilungskräfte über den Umweg „daran glauben“ aktiviert, könnte man da den Spiess nicht auch umdrehen und sagen, es sei „Mord“, wenn man ihm mit aller Macht begreiflich macht, dass sein Mittelchen nicht wirken kann, wird und wissenschaftlich darf? Ist das Verhindern eines potenziell wirksamen Placebo-Effekts moralisch vertretbarer, als das Herbeiführen eines solchen?

Ein anderes Beispiel sah ich kürzlich auf youtube. Eine Skeptikerin und Atheistin befragte in einem Video eine „New Age Gläubige“. Es ging darum, ob jene „Gläubige“ in der Vergangenheit Engel-Channelings oder ähnliche Dienste für Geld angeboten hätte.
Nun hatte diese Skeptikerin bereits in früheren Veröffentlichungen geäussert, dass sie Menschen, die an übersinnliche Fähigkeiten glauben, zwar für verblendet und etwas blöd hält, aber wenn sie wirklich daran glauben und andere Menschen nicht täuschen, um damit Geld zu verdienen, seien es zumindest keine Betrüger. Wenn sie aber nicht 100%ig an die (zum Beispiel) Engel glaubten, es den Leuten aber erzählen würden, weil die sich dann besser fühlten, dann sei es Betrug.
Das ist eine interessante Zwickmühle: soll die im Interview Befragte nun sagen, sie sei verblendet und etwas blöd, oder lieber, dass sie Menschen getäuscht hat?

Ich möchte in solchen Momenten liebend gerne fragen, ob der betreffende „kritisch-skeptische“ Mensch Shampoo „für kräftiges Haar“ benutzt. Da doch wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass die Haarstruktur ausschliesslich genetisch bedingt ist, und zwar durch Ernährung und hormonelle Bedingungen beeinflusst werden kann, aber keinesfalls durch äusserlich aufgetragene Substanzen.
Wie steht es mit den Akne-Mittelchen in der Pubertät? Oder mit der Anti-Falten-Creme?
Mit aberdutzenden Abnehm-Präparaten? Oder Frauenzeitschriften? „So kriegst du jeden Mann ins Bett!“ – wirklich? Männer-Deos, die auf die holde Weiblichkeit unwiderstehlich wirken? Kredite, die Dir sogar alle Deine Wünsche erfüllen, und das sofort. Policen, die Dein Leben absichern.
Es gibt Branchen, in denen werden Milliarden und Abermilliarden mit wissenschaftlich nachgewiesen falschen, aber rhetorisch sehr wohlüberlegten (oder sollte ich sagen: sehr bewusst auf garantiert nicht erfüllte Hoffnungen abzielende) Versprechungen gemacht. Sehr oft auch ganz ohne Zucker(-kügelchen) 😉 Sozusagen „light“. 

Wo und warum zieht man die Grenze?
Der Aspekt „Geldmacherei“ kann hier nicht greifen. Wir leben in einer Marktwirtschaft, und wenn es eine Nachfrage gibt, oder wenn man eine schaffen kann, dann wird es auch immer ein entsprechendes Angebot geben.

Eine zur Orientierung sehr hilfreiche Kernfrage ist: wem nutzt es wie?
Die Abwägung des potenziellen Schadens (wem schadet es wie?) ist durchaus Teil dieser Frage.

„Die Hersteller von Homöopathie setzen Millionen um!“, wird gesagt, als würde es sich dabei um einen Schaden für die Volkswirtschaft handeln. Wenn jedoch Millionen von Muttis ein paar Zuckerkügelchen gegen Prellungen, blaue Flecke und Schnupfen einsetzen, sehe ich darin keinen Schaden. Weniger Zucker als die BonBons, die man früher als „Trostpflaster“ dem weinenden Kind in die Hand drückte, haben sie allemal, und das kann nicht so schlecht sein. Ich sehe auch keinen Schaden, wenn ein Krebskranker, unter Absprache mit seinem behandelnden Arzt, seine Therapie mit Homöopathie, oder anderen alternativen Mitteln, ergänzt. Bestenfalls haben sie keine wissenschaftlich nachgewiesene Wirkung und können daher die konventionelle Therapie nicht stören, aber eventuell um einen Placebo-Effekt bereichern.

Wenn jemand Tarot-Karten oder Engel-Kontakte benutzt, um jemand anderen in einer Entscheidungsfindung zu unterstützen, finde ich daran auch überhaupt nichts Verwerfliches. Es ist völlig egal, ob er es wie eine „Briefkasten-Tante“ einer Frauenzeitschrift für Geld tut, wirklich vollen Herzens daran glaubt oder es durchaus für möglich hält, dass da keine Engel sprechen, sondern ein sich ihm als Engel präsentierender Teil seiner Intuition oder seiner unbewussten Fähigkeit, die Reaktionen des Gegenübers zu deuten („Cold Reading“). Für mich ist entscheidend, ob er sein Gegenüber bei dessen Entscheidungsfindung unterstützt, keinerlei Abhängigkeiten erzeugt und bitte nur jene „Wesen channelt“, die großen Wert auf freien Willen legen 😉

Kritisch wird es immer, wirklich immer, genau dann, wenn jemand die Worte spricht: „…nur mit meiner Hilfe!“. NUR die Zuckerkügelchen oder NUR die Therapie XYZ, NUR, wenn man auf den Erzengel hört, NUR wenn man diese eine Methode anwendet (und keine andere) – immer dann, wenn jemand behauptet, es gäbe NUR den einen Weg, NUR die eine Antwort, NUR die eine Wahrheit – dann ist das höchste Mass an Misstrauen angeraten.

Als Mystikerin suche ich nach einer „absoluten Wahrheit“ – und ich suche schon lange und intensiv. Ich kann guten Gewissens behaupten: weder die Wissenschaft gibt Auskunft über die absolute Wirklichkeit, noch eine der mir bekannten Religionen. Ich kenne mich sehr gut aus mit der Astrologie und noch weitaus besser mit Numerologie und Tarot, ich hatte Begegnungen mit Engeln, Dämonen, Elfen, anderen „Wesenheiten“ und Verstorbenen – und bei all dem habe ich weder die absolute Wirklichkeit, noch den Beweis ihrer Nichtexistenz aufspüren können. Die Skeptiker sagen mir furchtbar gerne, wenn wir uns über diese Themen unterhalten: „nicht wir müssen beweisen, dass es etwas nicht gibt, sondern du musst beweisen, dass es das gibt.“‚
Das stimmt so nicht. Jeweils derjenige, der seine Argumentation für die sachliche und wissenschaftlich fundierte, alleinig gültige Gesprächsgrundlage hält, muss den Nachweis erbringen können. „Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis für die pharmakologische Wirksamkeit von Homöopathie oder die Existenz von himmlischem Geflügel!“, ist eben keine Aussage über die Wirksamkeit von Homöopathie oder die Existenz von Engeln, sondern es ist eine Aussage über den derzeitigen Stand der Wissenschaft. Es ist kein immanenter „Gegenbeweis“.

Es ist aber sehr wohl eine Aussage, auf die man sich als derzeitigen Stand der Dinge einigen kann, wenn man zwischen aktuell anerkannten Fakten und Hypothesen unterscheiden möchte. Ganz wertfrei und sachlich. Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis für die Wirksamkeit von Homöopathie, die über den Placebo-Effekt hinaus geht. Übrigens auch umgekehrt: man kann damit niemanden vergiften, und auch dann, wenn tatsächlich irgendwer seine Chemotherapie absetzt, um seinen Krebs mit Homöopathie zu behandeln, bringt ihn keineswegs die Homöopathie um, sondern der Krebs und seine auf einer psychologischen Wirkung basierende (meiner Meinung nach Fehl-)Entscheidung, eine wissenschaftlich mehrversprechendere Therapie abzulehnen. Doch auch hier behält er seine unbedingte Wirksamkeit: der freie Wille. Menschen dürfen über ihr Leben entscheiden. Dass sie das dürfen, obwohl es ihnen auch das Recht einräumt, aus der Sicht anderer Menschen völlig idiotische Entscheidungen zu fällen, solange sie damit niemand anderem Schaden zufügen, halte ich für das kostbarste Gut überhaupt.

Es ist allerdings sehr schwierig, wenn Aussagen wie: „es gibt wissenschaftlich keinen Nachweis einer Wirksamkeit von Homöopathie, über der den Placebo-Effekt hinaus“ tatsächlich so verstanden werden wie: „die Nichtwirksamkeit von Homöopathie ist wissenschaftlich bewiesen, der Rest ist Einbildung“. Genau diese Denkmodelle, die einen aktuellen Forschungsstand als absolute Wahrheit fehlinterpretieren, agieren nicht gegen Aberglaube, sondern fördern ihn, ohne es zu beabsichtigen.
Wer meint, der Placebo-Effekt sei unwissenschaftlich und stünde nicht weiterhin, aufgrund seines enormen, medizinischen Potenzials, ganz weit oben auf der Interessenliste der Wissenschaft, irrt sich (und andere) wirklich ganz gewaltig. Derzeit befasst sich die Forschung zB. mit dem Zusammenspiel von Placebo-Wirkung und pharmakologischer Wirkung bei anerkannten Präparaten. Der Fachbereich „medizinische Psychologie“ widmet sich gezielt der Placebo-Forschung, und es gibt durchaus einige Forschungsergebnisse, die darauf hindeuten, dass auch bei konventionellen Therapien die Wirkung bis zu 70% auf dem Placebo-Effekt basiert. ( Artikel zu einer bekannten Knie-OP-Studie )
Es gibt auch durchaus wissenschaftliche Nachweise für Engel bzw. ähnliche Wesenheiten, sofern man den Rahmen unserer recht jungen Wissenschaft verlässt, und sich älterer Wissenschaften annimmt. ZB. pflegten Chinesen, Inder oder diverse indogene Kulturen nicht, ihre Wissenschaftler auf Scheiterhaufen zu verbrennen, und blicken folglich auf Forschungsergebnisse aus mehr als 2000 Jahren zurück (wir bringen es grade mal auf großzügig berechnete 500 Jahre). Auch, wenn ihre Forschungsmethoden und Erklärungsmodelle bei uns oft als „alternativ“ oder gar „primitiv“ gelten, zeigt das weniger die Überlegenheit unserer Wissenschaft, als eher unsere Unfähigkeit, andere Denkstrukturen und Wirklichkeitsinterpretationen in unsere Wissenschaft zu integrieren.

Kurz und grün: Vorsicht vor Scharlatanen!
Allerdings erkennt man sie nicht an ihren Methoden oder Behauptungen, sondern an ihrem Absolutheitsanspruch und ihrer Tendenz, den freien Willen weniger hoch zu schätzen, als ihre jeweiligen Gedankenmodelle.
Grade unter Skeptikern und eigentlich wissenschaftlich denkenden Menschen macht sich diese Tendenz zur „Scharlatanerie“ leider grad unbemerkt breit, und das halte ich für sehr viel gefährlicher, als Zuckerkugeln.

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