14 Pfund Corona! Stressmanagement für Dich und andere Bären

Gestern berichtete mir meine Mutter von einem Gespräch zwischen zwei Arzthelferinnen, dessen sie unfreiwillig Zeugin geworden war. Die eine Arzthelferin fragte: „Was denkst du, wie lange wir es noch mit diesen verschärften Bedingungen aushalten müssen?“, woraufhin die andere entgegnete: „so schätzungsweise noch 7 Kilo mehr?“
  Ich musste lachen. Das kam mir sehr bekannt vor! Denn das, was wir im Freundeskreis aktuell nur halb-liebevoll die „CoKies“ (Corona-Kilos) nennen, erweist sich (wörtlich) zunehmend als eine Nebenwirkung dieser Pandemie, die viele Leute bei sich selbst beobachten.
Ein ganz sachlicher Grund dafür ist sicher die eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Jedoch gibt es noch tiefergehende, sozusagen ur-evolutionäre Gründe dafür, die ich kurz umreissen möchte, bevor ich am Ende dieses Beitrages ein paar (erprobte) Gegenmittel und Durch-die-Krise-Helfer teilen möchte.

Im Umgang mit Stress kennt unsere menschliche Biologie zwei Hauptmassnahmen: Kampf oder Flucht (fight or flight). Meistens geht es dem Körper, rein biologisch, darum, ein effizientes und ressourcenschonendes Energie-Management zu betreiben. „Kampf“ ist also ein Programm, das sich vor allem für akute und kurzzeitige Bedrohungen eignet, „Flucht“ ist eher angebracht bei längerfristigen oder übermächtigen Gefahren.
Wann welches Programm von unserer Biologie ausgewählt wird, ergibt sich aus Instinkt, Erfahrungen und dem Verhalten vom „Rest der Herde“, also von anderen Menschen.

Im „Kampf“-Fall werden Hormone ausgeschüttet, die schnelle, gezielte Hochleistung ermöglichen, indem sie rasant schnell Energie bereit stellen. Sinnbildlich kann man sich zB. einen Löwen bei der Jagd vorstellen. Das bekannteste, zugehörige Hormon ist Adrenalin.
Der „Flucht“-Fall gestaltet sich im ersten Moment nicht anders, aber spannend wird es, wenn sich die „Bedrohung“ länger hält. Das zugehörige Hormon, das dann das Adrenalin ablöst und die Regie übernimmt, heisst Cortisol und ist das natürliche, in unserem eigenen Gehirn produzierte Vorbild des Medikaments Cortison. Sinnbildlich kann man sich Cortisol als einen Bären vorstellen. Er kann enorme Kräfte freisetzen, er kann aber auch einen kompletten Winter in Ruhe verharren und Krisen wörtlich aussitzen.

Mit dem bewussten Verstand haben wir wenig Einfluss darauf, welches „Programm“ unser ureigener Überlebensmechanismus wählt. Es gibt von Natur aus unterschiedliche Typen von Menschen, wobei sich die „Löwen“ eher durch erhöhte Kampfbereitschaft auszeichnen, die „Bären“ durch sehr viel stabilere Resilienz und Durchhaltevermögen auf lange Sicht. Beides hat Vor- und Nachteile. Neben einer Grundveranlagung hat der einzelne Mensch aber auch noch Lernfähigkeit, auf deren Grundlage sich das Verhalten in Stresssituationen mit den Jahren verändert oder festigt.

Die derzeitige Situation ist eindeutig eine „Bären-Phase“. Der mögliche Feind, die Bedrohung, ist unsichtbar, auf gewisse Weise unberechenbar und man eichte uns bereits zu Beginn der Krise auf eine lange Dauer. Insofern ist es absolut kein Wunder, dass nicht nur Hamsterkäufe einsetzten, sondern auch bei vielen Menschen die „innere Intelligenz“ es für angebracht hielt, sowohl Verhalten, als auch Stoffwechsel auf so wenig Energieverbrauch wie möglich zu schalten. Irgendwo zwischen Winterschlaf (sprich: es könnte Versorgungsengpässe geben) und Belagerungszustand (sprich: der Feind steht vor der Türe und diese muss geschlossen bleiben) suchen unsere „Urprogramme“ nach einem passenden Mechanismus, um rein biologisch-hormonell-stoffwechselndes Krisen-Management zu betreiben.

Wir sind, sozusagen, allesamt „voll auf Cortisol“ – eine grosse Bärenfamilie auf Warteposition. Worauf wir warten? Entweder darauf, dass der Feind durch die Tore bricht und wir unsere Energie brauchen, um zu kämpfen (zB. um wieder gesund zu werden, falls wir uns infizieren), oder darauf, dass die Krisenzeit vorbei geht, und wir, wie nach einem Winterschlaf, wieder unsere Glieder strecken können. Das Ziel des Körpers ist es derzeit, so viel Energie wie möglich für die Bedrohung „draussen vor den Toren“ zu sparen, bestenfalls noch neue Energie zu sammeln (also essen, ausruhen und schlafen) und so wenig wie nur irgendwie möglich zu verbrauchen.

Die scheinbar eher schlechte Nachricht ist: wir haben kaum eine Möglichkeit, auf diese Urprogramme mit Verstand und Vernunft Einfluss zu nehmen. Biologisch sind sie bedeutend älter, als unser bewusstes Denken und sie sichern unser Überleben auf der elementarsten Ebene. Es ist gut und richtig, dass wir sie haben.
Die gute Nachricht: wenn man sich dessen bewusst ist, was da passiert, kann man es nicht nur lockerer nehmen, sondern auch absichtsvoll ein bisschen gegensteuern.

Dazu ein paar Tipps:

  1. Nichts im Alltag beeinflusst das Hormonsystem so gezielt, wie Gerüche. Daher sollte man grade derzeit, wo es draussen nach Frühling riecht, so oft wie möglich die Fenster öffnen. Die Gerüche von „frischem Leben“ versorgen unser inneres Urviech mit der Sicherheit, dass das Leben weiter geht und die wichtigsten Lebensgrundlagen (Sonne, Luft, Erde, Wasser, Nahrung) noch da sind.
  2. Gerüche von frischen Kräutern, Blüten und Früchten haben einen ähnlichen Effekt. Es darf ruhig die Tiefkühlpizza sein – aber vielleicht mit ein paar frischen Basilikumblättern? Oder/und ab und zu frisches Obst als Snack zwischen den urinstinktiv energiedichten Nahrungsmitteln (dass man derzeit häufiger und lieber zu kalorienreichen Nahrungsmitteln greift, ist Teil des Cortisol-Programms des Körpers).
  3. Vitamin C, entweder in Pulverform (Ascorbinsäure aus der Apotheke), besser aber noch als Zitronenwasser (auf 1L stilles Wasser abends eine unbehandelte Zitrone mit Schale und Kernen zerschneiden, ansetzen und von dem Wasser morgens vor dem oder zum Frühstück trinken, mindestens 250ml, den Rest über den Tag verteilt). Vitamin C gibt unseren Urinstinkten das deutliche Signal „kein Grund zur Sorge, alles frisch!“ – genau wie Wasser und der Geruch und Geschmack von Zitronen.
  4. Abends etwas mit Zimt in den Speiseplan einzubauen ist ebenfalls hilfreich. Ich esse zB. gerne eine Scheibe Brot mit zerquetschter Banane und Zimt darauf. Zimt macht sich gut auf Schweinefleisch, in Zimtschnecken, als Zugabe in Tees oder Joghurt,… Zimt senkt den Cortisol-Spiegel. Viele verbinden Zimt eher mit Weihnachten, aber es setzte sich als beliebtes Gewürz in der dunklen Jahreszeit durch, weil es den Winter-Stress abmildert, der ebenfalls teilweise auf erhöhten Cortisol-Werten basiert. (Bitte achte darauf, dass Du echten Zimt nimmst, das ist „Ceylon Zimt“).
  5. Egal wieviel Schokolade man sowieso schon gegessen hat, ganz am Ende des Tages, als „Betthupferl“, sollte man ein Stück seeeehr dunkle Schokolade essen, mit einem Kakao-Anteil, so hoch, wie man es noch so eben essen kann. Wer mag, kann auch reine Kakao-Nibs knabbern. Oder sich, vor dem Zubettgehen, einen Schlaftrunk aus echtem (!) Kakao und Milch aufwärmen. Auch Kakao senkt den Cortisol-Spiegel im Körper.
  6. Atemübungen sind ja gut für und gegen fast alles. Hierbei ist es aktuell wichtig, dass man nicht bloss auf Entspannung achtet, denn die Atmung im Cortisol-Zustand ist sowieso verlangsamt (wie im Winterschlaf des Bären), sondern vor allem eben bewusst atmet. Auch mal ein bisschen mehr einatmen, als normal, mal einen Moment die Luft anhalten, bewusst alles an Luft aus der Lunge drücken, bis wirklich mal alles ausgeatmet ist… Ganz bewusstest Seufzen kann auch Wunder wirken. Hauptsache, man übernimmt bewusst die Kontrolle über die Atmung und durchbricht damit die „Standby-Winterschlaf-Atmung“ 😉
  7. Vogelgezwitscher zuzuhören hilft ebenso, wie mit Kleinkindern, Hunden oder Katzen zu spielen, wenn man die Möglichkeit dazu hat. Wir wissen urinstinktiv, dass Kinder und Tiere noch viel wachere Sensoren haben, als wir selbst, weil sie rein biologisch angreifbarer sind – daher wirkt sich die Gelassenheit anderer, etwas sorgloserer Mitgeschöpfe auf unser Hormonsystem ausgleichend und beruhigend aus und senkt generell den Stresshormonpegel.
  8. Die gebetsmühlenartigen Wiederholungen in den Medien, dass die Pandemie erst an ihrem Anfang stünde, noch sehr lange dauern könnte und wir die Gefahr nicht unterschätzen dürfen, tragen dazu bei, das „innere Urviech“ im Cortisol-Stress zu halten. Daher ist es sinnvoll, sich gezielt ein Mal am Tag zu informieren, aber das Thema ansonsten zu meiden.
  9. Ein bisschen Nachsicht, bitte!
    Auch wenn Du selbst nicht sonderlich von den Auswirkungen der Krise betroffen bist: andere Menschen reagieren eventuell, auch hormonell, sensibler auf die äusseren Ereignisse. Hab ein bisschen Nachsicht und Mitgefühl für andere und ihren grad eventuell aktiven, inneren BärSchützer 😉 Der eine „bekommt den Hintern nicht hoch“, der andere reagiert plötzlich auf eine Kleinigkeit wie ein von der Tarantel gestochener Berserker… Das ist alles eventuell nicht so persönlich gemeint, sondern es kann sich einfach nur um eine hormonelle Reaktion im Umgang mit einem globalen Ausnahmezustand handeln. Klopapier-Horten, Hamsterkäufe, Verschwörungstheorien, Dekorations- und Renovierungsdrang daheim („Cocooning“), tägliche Neuidentifikation eines möglichen „Feindbildes“ – all das sind typische Anzeichen für „Cortisol bei der Arbeit“. Das heisst nicht, dass man alles schweigend tolerieren und hinnehmen muss, aber es ein bisschen besser zu verstehen, sorgt für deutlich niedrigere Stress-Hormon-Pegel bei einem selbst 😉

Noch zwei Hinweise: es passiert nicht allen und nicht immer, aber wenn man derzeit häufiger zwischen 02:00Uhr und 04:00Uhr nachts wach wird: das ist „typisch Cortisol“.
Ganz besonders dann, wenn man mit Nachthunger wach wird und den Kühlschrank plündert, muss man sich keine Sorgen machen – „das sind nur die Hormone“ 😉 Es wird sich alles wieder normalisieren.

Ein weiterer Nebeneffekt von Cortisol ist ein verändertes Konfliktverhalten – wir reagieren nicht mehr so, wie der Löwe (brüllen – und gut) sondern eher, wie der Bär (so lange abwarten, schmollen, runterschlucken, ausweichen und versuchen, es auszusitzen, bis nichts mehr geht, dann aber völlig mass- und gnadenlos eskalieren). Normalerweise hilft dagegen eine verausgabende Sporteinheit am späten Nachmittag am besten, aber solange wir kollektiv in diesem „es-ist-noch-längst-nicht-vorbei“-Zustand festhängen, ist es unermesslich schwer, den inneren Bären davon zu überzeugen, auch nur ein Quentchen Energie, die er ja noch für den >Feind da draussen< brauchen könnte, aus seiner Sicht zu vergeuden. Wer sich also schlicht nicht zum Sport aufraffen kann, funktioniert eigentlich ganz normal und biologisch sinnvoll. Man kann aber ein bisschen tricksen, um sich und anderen das Leben zu erleichtern, womit ich zum zehnten und letzten Tipp für heute komme:
Ein bewährtes Mittel gegen die seelischen Nebenwirkungen eines erhöhten Cortisolspiegels sind Horrorfilme, Thriller, Katastrophenfilme,…. (Normalerweise helfen auch Sportveranstaltungen, aber die fallen derzeit ja grösstenteils weg.) Hauptsache spannend. Richtig spannend. So spannend, dass man so richtig mitfiebert und hier und da mal nach Luft schnappt. Es darf auch gerne etwas brutal, blutig und/oder surreal sein. Aber es ist extrem wichtig, dass es am Ende eine Auflösung bzw. ein Ergebnis gibt. Bei vielen neueren Filmen hat sich die Unart des „offenen Endes“ eingeschlichen, und sollte man beim Streaming so ein Exemplar erwischen, ist es wirklich entscheidend (für den seelenhygienischen Effekt), dass man dann hinterher, direkt im Anschluss, noch etwas Spannungs-Auflösendes schaut. Bei mir wirkt eine Folge von „Die Simpsons“ ganz gut, aber generell empfehlen sich grade Serien aus der Kinderzeit.  Wichtig ist, dass man erst etwas die Spannung Lösendes schaut, bevor man etwas anderes tut, sonst verliert sich der Effekt.
Dieses Ersatzventil für die seelische Cortisol-Seite kann einem das emotionale Überleben dieser Zeit wirklich erleichtern.

Ich hoffe, ich konnte mit diesem kleinen Beitrag ein bisschen zum hormonellen Selbstverständnis und dem persönlichen Krisen-Management beisteuern. 🙂

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s