Mystik – christlich? esoterisch? okkultistisch? satanistisch?

Dass ich grade endlich mal die Zeit finde, mich um diese, meine wordpress-Seite zu kümmern (zumindest mal für etwas Inhalt zu sorgen), das verdanke ich dem Corona-Hausarrest.
Als ich diese Seite 2017 erstellte, schrieb ich, auch hier, noch darüber, wie erstaunlich ich es finde, dass sämtliche Domains, Social-Media-Aliases und Mail-Adressen, die ich damals belegte, noch verfügbar waren. „Mystikerin“ war „frei“.
Das hat sich mittlerweile geändert. „Mystik“ hat heimlich, still und leise einen kleinen „Boom“ erlebt. Dabei fällt mir aber auf, dass neben fragwürdigen, neu-esoterischen Seiten (siehe auch meinen Beitrag über „Mysterienschulen“) vor allem die christliche Mystik eine gewisse Wiederauferstehung feiert.
Dementsprechend ist es nicht weiter verwunderlich, dass ich, wenn ich denn mal im realen offline Leben kundtue, dass ich mich als Mystikerin definiere, oft gefragt werde, ob ich denn sooo christlich sei. Oder ob ich mich den schwarzen Künsten des Okkultismus verschrieben habe 😉

Da ich Mystikerin bin, bin ich immer sehr, sehr vorsichtig damit, mich all zu genau selbst zu definieren. Daher möchte ich kurz einen Blick in die Vergangenheit werfen:

Mystik ist ein sehr altes Thema.
Letztendlich geht es, wie ich schon in einem früheren Beitrag erwähnte, um die Suche nach einer absoluten Wirklichkeit und/oder Wahrheit. Dass es sich alleine bei der reinen These einer absoluten Wirklichkeit/Wahrheit in früheren Zeiten um ein untrennbar an eine Gottesvorstellung geknüpftes „Dingsbums“ handeln musste, steht völlig ausser Frage. Für einen mittelalterlichen Mystiker war die Vorstellung, es könne eine absolute Wahrheit ausserhalb von GOTT geben, ebenso unerhört und wörtlichst undenkbar, wie es für einen gläubigen Moslem undenkbar ist, es könne eine relative oder absolute Wirklichkeit ohne oder ausserhalb von Allah geben.
Die Mystik war eigentlich das „Geschäft“ von Sektierern – wobei ich hier das Wort „Sekte“ in seiner ursprünglichen Bedeutung meine: es beschrieb jenen Teil einer Glaubensrichtung, der alles noch ein bisschen intensiver betrieb und genauer nahm, als die Mehrheit der Anhänger der jeweiligen Glaubensrichtung.
In der Antike war „Mystik“ ein Thema der „Freien Männer“. Das waren jene männlichen Bürger der antiken Welt, die keinem Broterwerb nachgehen mussten. Oder mal etwas respektlos formuliert: Mystik war was für Berufs-Söhne 😉
Dazu zählen so große Namen wie Plato, Platon, Sokrates,… Die man gemeinhin eher mit „Philosophie“ verbindet, als mit „Mystik“. Jedoch bedeutet „Philosophia“ soviel wie „Liebe zur Weisheit“ (oder für die Mystiker unter uns: Liebe zur Sophia 😉 ) und bezeichnet das Streben nach Erkenntnis über den Sinn des Lebens, das Wesen der Welt und die Bedeutung des Menschen in ihr. Man könnte auch sagen: die Suche nach einer absoluten Wahrheit. Mit anderen Worten: zu einem frühen Zeitpunkt der westlichen Zivilisation gab es kaum bis keinen Unterschied zwischen „Mystik“ und „Philosophie“.
Dann kamen, spätestens mit dem römischen Weltreich, allerdings „verstaatlichte Glaubensdogmen“ auf. Für eine gewisse Zeit in der Geschichte war es nicht möglich, weltlich zu überleben bzw. erfolgreich zu sein, ohne einem ganz spezifischen Glauben anzugehören. Hier, in unseren Breitengraden, war das eindeutig der christliche Glaube.
Die Mystiker dieser Epoche bedienten sich exakt der gleichen Werkzeuge zur Unterscheidung zwischen Wahrheit und Unwahrheit, wie die Generationen zuvor.
Einige dieser Werkzeuge waren (und sind) die Astrologie, um von einer etwas grösseren Ordnung auf eine kleinere zu schliessen, die Alchemie, um das Wesen der Dinge zu begreifen und „beherrschen zu können“, die Philosophie („die Kunst des klaren Denkens“), die Mathematik, vor allem Geometrie, das Studium alter Weisheitstexte, die Kabbalah,… Letzteres überrascht viele Menschen, aber da Jesus der Christus ein Jude war, der an seiner Religion nur wenige, wenn auch bedeutende Änderungen vornahm, und da er selbst bereits im zarten Alter von 12 Jahren mit den Gelehrten der Schriften (und zwar der jüdischen Schriften) über Glaubensinhalte disputierte, ist es wirklich naheliegend für einen Christen, sich diesen Schriften auch, zumindest als Bestandteil der Grundlagenforschung, zu widmen. Beinahe alle „grossen Kirchenmänner“ des Mittelalters waren sehr gut mit der Tora, dem Talmud, der Kabbala und oft auch weiterführenden Texten, wie dem Sohar, vertraut. Übrigens wie in der Neuzeit mit ihrem „Wissenschaftsglauben“, sehr viele grosse Wissenschaftler mit solchen Texten vertraut waren und sind. Newton war Alchemist, Einstein studierte den Sohar und Hawking schrieb mit seiner „Kurzen Geschichte der Zeit“ wohl eines der Standartwerke moderner Mystik 😉

Die beiden Fotos zeigen die astrologische Uhr im Münster von York, seit dem Mittelalter bis heute dem Tagungsort der britischen Bischöfe. Ein Besuch lohnt sich. Neben einer weltberühmten Statue des Kaisers Constantin, der sowohl die Textauswahl der heutigen Bibel festlegte, als auch das heutige Christentum etablierte, vor dem Münster, finden sich, direkt in Blickrichtung des Constantin, auch solch kleine „Schmackerln“:

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Die ersten (bekannten) Mystikerinnen wirkten ihr Werk hinter Klostermauern. Einige der bekannteren sind sicher Hildegard von Bingen oder Teresa von Avila.
Grade Letztere ist in ihren Schriften schwer zu verstehen, sofern man sich nicht mit Astrologie oder antiken Schriften auskennt, und womöglich sind sie gar nicht zu verstehen, wenn man heute davon ausgeht, Christen, insbesondere Nonnen, hätten sich nicht mit diesen Themen befasst.
Der „Karriereweg“ als Nonne war damals der einzige, „gehobene“ Beruf, der eine Bildung umfasste und Frauen offen stand. Die Männer hatten scheinbar mehr Auswahl, jedoch lege ich die Betonung auf das Wörtchen scheinbar. Meistens wurde der Lebensweg durch die Familie und deren Tradition und Stand vorgezeichnet. Ein wichtiges Zentrum der mittelalterlichen Gesellschaftsstruktur bildeten die so genannten Gilden (oder Logen). Das waren mittelalterliche Zusammenschlüsse von Handwerkern, Kaufleuten und auch Glaubensrichtungen, die man mit modernen Berufsverbänden oder Genossenschaften vergleichen könnte. Zentral ist dabei aber der Umstand, dass auch die Ausbildung des Nachwuchses innerhalb dieser Gilden geregelt wurde, und ein Wechsel zwischen verschiedenen Gilden war sehr schwierig. Der Sohn eines Kaufmannes wurde ziemlich sicher Kaufmann, und er erhielt jene Ausbildung zum Kaufmann, die seine Gilde als „Berufsstandart“ festgelegt hatte.
Damals gab es aber einige Gilden, die bei ihrer jeweiligen Tätigkeit zu viele verschiedene Fachbereiche studieren mussten oder/und so weit herum kamen, dass sie es schwer hatten, lokal gebundene Netzwerke zu betreiben bzw. sich in festen, gesellschaftlichen Strukturen zu etablieren. Eine davon waren die Architekten bzw. Dombauer.
Grade diese, eng mit dem so zentralen Glauben verwobene, Tätigkeit erforderte sowohl technisches KnowHow, als auch genaue Kenntnis der Materialien und ihrer Physik, als auch exaktes Verständnis der Anliegen des jeweiligen Bauherren. Es war, in manchen Fällen, eine Aufgabe über Generationen, in manchen eine für einige Jahre. Sowohl die ausführenden Handwerker, als auch die Bauleitung, mussten flexibel bleiben und sich immer wieder neuen gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten anpassen.
Während es für andere Gilden essentiell war, über viele Jahre eine feste Struktur zu etablieren, war es für die Dombauer notwendig, ständige Veränderung als ihre Struktur zu integrieren. Und so entstanden, zusätzlich zu den lokal arbeitenden Maurer-Gilden, eben jene weltberühmte freien Maurer, auch Freimaurer, die einen gemeinsamen Standart hatten, und dennoch umher zogen und sich keiner anderen Instanz verpflichteten, als ihrem jeweiligen Bauherren und GOTT.
Und so kam es auch, dass grade die Freimaurer sich sehr intensiv mit den jeweiligen Einflüssen ihrer jeweiligen Arbeitgeber befassten und das so Gelernte in ihre Gilde bzw. Loge und die Ausbildung des Nachwuchses einfliessen liessen. Was grade bei ihnen sehr wichtig war, da nicht nur mehrere Generationen von Maurern an ein und dem selben Bauwerk arbeiteten, sondern man auch durchaus erkannte, dass es leichter ist, ein zweihundert Jahre altes Bauwerk im Sinne des Erbauers UND des derzeitigen Eigentümers zu renovieren, wenn man sowohl den alten, als auch den neuen Zeitgeist begreift.
Etwa zur gleichen Zeit, als sich solche „freien Logen“ bildeten, wurden die ersten Universitäten gegründet, die nicht alleine dazu gedacht waren, einen rein klerikalen Nachwuchs zu bilden. Zumeist waren es Adelige, manchmal auch Kaufleute, die ihre Bibliotheken zu öffentlichen Einrichtungen oder Bildungsstätten erklärten, und damit keineswegs das Wohlwollen der Kirche weckten. Damals wie heute galt: „Wissen ist Macht“, und der Gedanke, rein an Gewinnoptimierung interessierte Zeitgenossen könnten „sakrale Weisheiten“ dazu benutzen, sich erfolgreicher zu bereichern, als die holde Heiligkeit, bot Grund zur Sorge.
So entstand der „Okkultismus“. Im Grunde handelte es sich um genau jene Themen, mit denen sich Geistliche befassten, doch wenn sie dazu gedacht waren, materielle oder egoistische Ziele zu verfolgen, nannte man sie den „linken Pfad“ – dann hatte jemand den „rechten Pfad“ der Tugend verlassen, war Okkultist und ein Ketzer.
Was damals noch durchaus tödlich enden konnte (und zumeist auch so endete).
Die Bewertung, wer noch im Sinne GOTTes agierte, und wer bereits ein Ketzer war, oblag der jeweiligen Bewertungsinstanz, und da die sämtliche Gerichtsbarkeit damals entweder beim jeweiligen Herrscher oder bei der Kirche lag, entschieden am Ende, wenn man ehrlich ist, meist wirtschaftliche oder politische Interessen.
Dennoch waren jene ersten Universitäten (u.a. in Florenz) damals eine erste Keimzelle für die gar nicht so lang darauf folgende Zeit der Aufklärung, der die Industrialisierung folgte.

Und da sind wir schon bei Hier und Jetzt angekommen 😉

Ich persönlich begreife „Mystik“ einfach als „Suche nach der absoluten Wahrheit“.
Ich respektiere jeden Menschen, der Mystik anders begreift, und erst recht respektiere ich jeden Mystiker, der Mystik anders definiert, als ich.
Ganz sicher bin ich weder DIE Mystikerin, noch bin ich der Inbegriff einer Mystikerin – sondern ich befasse mich mit dem Thema Mystik – und mehr nicht.

In meinem ganz persönlichen Verständnis kann man sich nicht mit (meiner Sorte von) Mystik befassen, ohne sich mit der Vergangenheit der Mystik zu befassen. Dementsprechend kann ICH persönlich mir schwer vorstellen, wie man Mystik begreifen kann, ohne sich mit GOTT und dem Verständnis des Gottesbegriffs verschiedener Kulturen und der eigenen Kultur auseinander zu setzen.
Für mich persönlich spielt die moderne Wissenschaft aber fast genau so eine Rolle, und ihre Wurzeln, die eben bei den antiken Philosophen und Mathematikern, in alten Fachbereichen wie Alchemie oder Astrologie und in ihren Randbereichen wie der Magie liegt.
Beinahe jeder geistige Weg beginnt aus weltlichen Motiven.
Gestern schrieb ich über „das Gesetz der Anziehung“, und sein wir ehrlich: wer würde sich mit sowas befassen, wenn er sich nicht den Porsche, die ideale Liebensbeziehung, den Traumjob oder einen Lottogewinn davon verspräche? Allein „zu Ehren GOTTes“ tut heute doch kaum noch jemand etwas, und somit sind solche „geistigen Techniken“, die zur persönlichen Bereicherung (materiell oder emotional) gedacht sind, im Verständnis der Kirche(n) durchaus nicht nur „okkultistisch“, sondern „schwarzmagisch“.

Und wie schaut’s aus mit Esoterik?
Mir sträuben sich regelmässig die Haare, wenn ich auf wikipedia die Begriffserklärung nachlese (was öfters mal passiert, da man/frau ja wissen sollte, was die gängie Definition so besagt, aber ich verdränge sie immer wieder 😉 ). Da steht : „Esoterik (von altgriechisch ἐσωτερικός esōterikós ‚innerlich‘, dem inneren Bereich zugehörig‘) ist in der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs eine philosophische Lehre, die nur für einen begrenzten „inneren“ Personenkreis zugänglich ist, im Gegensatz zu Exoterik als allgemein zugänglichem Wissen. Andere traditionelle Wortbedeutungen beziehen sich auf einen inneren, spirituellen Erkenntnisweg, etwa synonym mit Mystik, oder auf ein „höheres“, „absolutes“ Wissen.“ (Quelle: wikipedia)
Diese Definition ist nicht grundlegend falsch, aber ein Informatiker, der sich zB. mit der Fourier Transformation befasst, würde dieses Thema wohl nicht als esoterisch bezeichnen, obwohl es ganz eindeutig nur einem gewissen „inneren Personenkreis“ zugänglich ist 😉 Auch die Bibliothek des Vatikan ist sicher nicht „esoterisch“.
Esoterik befasst sich mit den Lehren rund um Immanenz – also jener These, dass das Göttliche IN der Welt und somit auch in Menschen und Bäumen wirkt. Exoterik befasst sich mit der Transzendenz, also der These, dass das Göttliche die Welt erschaffen hat, dann aber, bis auf verschiedene, gezielte Interaktionen, „damit fertig war“.
Dementsprechend sucht man, als Mystikerin, auf esoterischem Weg nach einer absoluten Wahrheit IN sich, während man exoterische Techniken nutzt, um nach einer absoluten Wahrheit ausserhalb von sich, oder, im Zuge transzendentaler Erfahrungen, sogar ausserhalb „der Welt“ zu machen.

Ich gehe davon aus, dass jeder Leser, der zufällig über dieses Blog stolpert, eines ganz sicher ist: ein moderner, aufgeklärter Mensch.
Als solche wissen wir eines wohl alle ziemlich sicher: absolute Wahrheit ist relativ. Und selten. Und relativ selten 😉
Man guckt nicht mal zwei Tage in irgendein schlaues, geheimes (okkultes) Buch und weiss dann die absolute Wahrheit. Auch zwei Jahrzehnte reichen nicht aus.
Es ist ziemlich leicht, sehr viele „Sachverhalte“, relative Wahrheiten, mögliche Perspektiven und derzeitige Kenntnisstände zu ergründen, aber DIE WAHRHEIT?
Das ist etwas kniffliger.
Mein Mathe-Lehrer sagte mal, Mathematik sei die einzige Wahrheit im Universum.
Das ist grade mal rund 25 Jahre her, und mittlerweile kommen MathematikKollegen daher, lächeln müde und fragen: „in welchem?“

Um also DIE absolute Wahrheit und Wirklichkeit zu ergründen, gibt es alte, bewährte Wege der klassischen Mysterienschulen (u.a. Freimaurer oder klerikales Christentum) – bei denen sich aber für mich persönlich von Anfang an einige Probleme abzeichneten.
Erstens: ich habe keinen Penis 😉 Beide Wege, in ihrer klassischen Form, sind ausschliesslich Männern vorbehalten.
Zweitens: ich bin nicht mal katholisch.

Möglicherweise hätte ich, im Zuge der Wahrheitssuche, konvertieren können, allerdings habe ich, für mich persönlich, schon sehr früh erkannt, dass es am katholischen Konzept eines Gottes für mich massive Logikfehler gibt. Da eine absolute Wahrheit keinesfalls unlogisch sein kann, war es mir also nie möglich, über diese „Fehlerchen“ hinweg zu sehen 😉

Zum Glück war Mystik zwar immer eine Männerdomäne, aber Männer mögen Frauen und daher gab und gibt es durchaus auch klassische Zweige der Mysterienschulen, die auch Frauen offen stehen. Man/frau muss ein bisschen danach suchen, aber eines verrate ich gerne, auch dieses Thema abschliessend:
Mystik ist christlich, hinduistisch, jedi-istisch, judaistisch, okkult, esoterisch, exoterisch, profan, sakral, heidnisch, satanistisch, familiär, fremd, gnostisch, und noch sehr vieles mehr – aber vor allem ist es ganz sicher nix für Leute, die nicht gerne suchen 😉

Mystik bedeutet nicht, Antworten zu finden, sondern Fragen.

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