Mysterienschulen?

Derzeit beobachte ich, dass das Thema „Mystik“ einen gewissen Boom erlebt. Viele amerikanische „spirituelle Lehrer“ greifen das Thema auf. Es gibt da sogar ein kleines, blaues Männchen, das seltsame, aber erfolgreiche youtube-Videos hostet, und Anfang diesen Jahres 2020 eine „Mysterienschule“ eröffnet hat.

Normalerweise heisst es ja „leben und leben lassen“ – doch es gibt da einen Punkt, den ich thematisieren muss:

Dieser junge Mann möchte von seinen hauptsächlich jungen Followern gerne $398,- bis $823,- „Einschreibegebühren“ PLUS monatlich $19,- als freundliche Spende. Dazu steht über dem Eingang seiner „geistigen Mysterien“-Schule, nach eigenen Angaben einem Zuhause für den modernen Mystiker, auch noch „Let no profane enter here…“ (frei übersetzt: Betreten für Weltliche/s verboten…). Ein Schriftzug, der, nach Angaben des eklektischen Blaumännleins, über dem Eingang der antiken Mysterienschulen prangte.

Jup. Man merkt es mir wohl an: in manchen Bereichen muss ich eindeutig noch an meiner Gelassenheit feilen 😉

Klären wir zunächst die verwendeten Begriffe:
„Profan“ bedeutet schlicht „weltlich“. Es hat in unseren modernen Sprachgebrauch zwar als „zweitrangig-kleinbürgerlich-engstirnig“ Einzug gehalten, bedeutet aber im Kontext der Mysterien einfach „real, anfassbar und alltäglich“. Weltlich ist der Laptop, auf dem ich schreibe, der Baum vor meinem Fenster, das CO2, H2O und O2, das er verstoffwechselt, mein Körper, meine heiss geliebte Badewanne, mein Verstand, mein Beruf, mein täglich Brot,… Kurz: alles Lebensnotwendige.

Das Gegenstück zu profan ist „sakral“, übersetzt: „heilig“. Damit beschreibt man alles Geistige und Spirituelle. Sakral ist der Laptop, auf dem ich schreibe, der Baum vor meinem Fenster, das, was er verstoffwechselt, mein Körper, meine heiss geliebte Badewanne, mein Verstand, mein Beruf, mein täglich Brot,… Kurz: alles, in dem mein kleiner Geist das Heilige zu erkennen fähig ist (oder zu sein glaubt oder zu sein glauben wollen würde 😉 ).

Nun stellt sich die Frage: ist es profan oder sakral, von einem Schüler, der gewillt ist, sich dem Thema Mystik zu widmen, relativ viel oder wenig Geld zu verlangen?
(Und falls ja: was regt die selbsterklärte Mystikerinnen-Tussi daran scheinbar so auf? ;-))

Zunächst sei gesagt, dass ich mir um die „Mysterien“ wenig Sorgen mache. Zu Beginn meiner damals noch unbewussten Reise sagte mir eine Lehrerin dazu: „Alles ist relativ unsicher, aber eines ist absolut sicher: das Mysterium schützt sich selbst!“
Es hat viele Jahre gedauert, bis ich diesen Satz in seiner profanen Tragweite begriffen habe, und ich bin beinahe sicher, dass es noch sehr viele mehr braucht, um ihn in auf einer sakralen Bedeutungsebene zu erfassen, doch es stellte sich heraus: es handelt sich dabei um ein astreines Mysterium. Im Wortsinn: um eine absolute Wahrheit.
Man kann Mysterien weder käuflich erwerben, noch verkaufen, lesen oder verstehen. Man kann sie suchen, ihnen begegnen, sie erkennen und verinnerlichen.

Einen Weg, das zu tun, weisen die klassischen Mysterienschulen auf.

Ich bin nicht der Meinung, dass jeder Weg ans Ziel führt und jeder Mensch mystische Erfahrungen macht. Ich bin auch nicht der Meinung, dass jeder von uns eine innere Führung hat, die uns immer an den richtigen Ort zur richtigen Zeit führt und uns mit jenen Erfahrungen versorgt, die uns langfristig alle „zur Erleuchtung führen“… Innerhalb der modernen Spiritualitäten-Szenen hört man das nicht gerne, aber es ist leider so: wer nicht bewusst die Ent-Täuschung sucht, wird am Ende dieses Irrweges immer enttäuscht sein, aber wohl kaum „erleuchtet“.
Ich mache mir also keine Sorgen um das Mysterium. Das kümmert sich gut um sich selbst. Allerdings habe ich in meinem Leben genug Enttäuschungen erlebt, um tiefes Mitgefühl für die InDieIrreGeführten und, nennen wir das Kind beim Namen, auf ihrer Suche gnadenlos Ausgebeuteten zu empfinden.

Solch Suchenden und nach Weisheit und Erkenntnis Strebenden sei gesagt:

Es gibt sowohl das echte Mysterium, als auch die echten Mysterienschulen!

Über ihrem Eingang würde niemals stehen „Zutritt für Weltliche/s verboten!“, sondern meistens steht da, von aussen betrachtet, gar nichts – und von innen, wenn überhaupt, steht da:
„Kein nach Weisheit Strebender, der an diese Pforte klopft, sei abgewiesen.“

Die (klassischen) Mysterienschulen finanzieren sich meist über Spenden ihrer Mitglieder, verlangen aber einen kleinen Obulus (zwischen 19,- und 100,-€ im Monat) von ihren „Anwärtern“. Kann man diesen Betrag nicht stemmen, gibt es keine „ernsthafte“ Mysterienschule, mit der man nicht eine Einigung finden könnte.

Man zahlt auf einer anderen Ebene, weil man auch auf einer anderen Ebene „empfängt“. Mein Mentor, der die lästige Eigenart hat, sich über mich lustig zu machen, hat, seit ich mich über diese kommerzialisierte(n) Mysterienschule(n) aufrege, gerne einen freundlichen Hinweis für mich: immer, wenn ich über zu viel Lernstoff oder Anstrengung klage, sagt er zu mir: „Maul nicht. Du kannst es billiger haben. Nur rund 1000 Dollar bei deinem blauen Freund, und du sparst dir die Mühe!“

Aber die Antwort darauf stammt von keinem Mystiker, sondern von meiner Oma:
„An der falschen Stelle sparen ist manchmal sehr teuer!“

 

 

 

 

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