Die mystische Reise

Mystik ist – das muss man sich immer mal wieder vergegenwärtigen – ein Luxus. Und keinswegs so abstrakt, wie sie oft „gehandelt“ wird. Grundlage der Mystik sind die (so genannten) Freien Künste der Antike. Sie wurden so genannt, weil sie von freien (männlichen) Bürgern praktiziert wurden. Und ein FREIER BÜRGER war jener, der nicht für seinen Broterwerb arbeiten musste.

Okay. Wenn ich aus dem Nähkästchen plaudere, dann kann ich berichten, dass das Thema „finanzielle Freiheit“ für mich immer ein starker Antrieb war, mich mit diesen ganzen (mystischen) Themen zu befassen. Spirituelles Wachstum ist zwar ein nobles Ziel, aber mein Leben war über weite Teile so stark von finanziellen Engpässen geprägt, dass ich mich dieses noblen Ziels erst annehmen wollte, sobald der Kühlschrank und der Heizöltank gefüllt waren. Ich bin zwar, in einem gewissen, quasi naturgegebenen Rahmen, ein „spiritueller Mensch“, aber manchmal kam mir dabei das rein materiell-weltliche Dasein doch gewaltig in die Quere 😉 Dachte ich jedenfalls. Im Nachhinein hat sich oft herausgestellt, dass auch das Streben nach z.B. Geld durchaus zum persönlich-spirituellen Wachstum beitragen kann.

Jedenfalls brachte die kleine Lektion über die „Freien Künste“ als Grundlage der Mystik, die ich von meinem Mentor erhielt, bei mir sofort gewisse Fragen auf’s Tapet:
„Moooooment mal! Wenn freie Bürger die sind, die nicht für ihren Broterwerb arbeiten müssen, was ist dann die Ursache und was ist die Wirkung?“, fragte ich (nicht ohne Hintergedanken – denn wenn man durch diese Künste „finanziell frei“ werden sollte, dann würden die ab sofort zu meinem Lieblingsthema erklärt  – dachte ich mir so 😉 ). Mein Mentor sah mich kurz verwirrt an, so fügte ich an: „Also sind die Bürger frei, weil sie die Künste studieren, oder studieren sie die freien Künste, weil sie sonst nix zu tun haben und dafür frei sind?“

Der Herr Mentor grinste breit, jedoch eine Antwort auf meine Frage bekam ich nicht (was allerdings nicht weiter ungewöhnlich ist. In den meisten Fällen heisst das soviel wie: „das ist eine gute Frage, und die Antwort kommt, sobald du sie dir erschlossen hast.“ – nunja.)

Als ich dann noch erfuhr, dass die legendären „Sieben Sachen“, die man zu packen pflegt, wenn man irgendwo seine Zelte abbricht, ebenfalls diesem Themenkomplex entstammen, wurde ich sehr hellhörig. Hauptsächlich deswegen, weil genau dieser Aspekt für mich ein Kernthema darstellt: ich leide allgemein kaum unter Geldmangel – damit kann ich umgehen. Worunter ich allerdings massiv leide, ist von Geldmangel verursachte Immobilität. Reisen ist für mich, von jeher, ein Lebenstraum. Ich bin, im Rahmen meiner Möglichkeiten, durchaus viel gereist, aber mit mehr finanziellem Spielraum hätte ich vermutlich kaum etwas anderes getan. Reisen, also „Unterwegssein“, ist das, was am ehesten meiner eigenen Natur entspricht. Und dieser Spruch „seine sieben Sachen packen“ , der löste schon immer in mir sämtliche vorhandenen Fernwehschalter aus, seit ich in meiner Jugend einen irischen Freund hatte, dessen gesamtes Hab und Gut in eine Reisetasche passte (was ich einerseits bewundernswert und andererseits damals sehr minimalistisch fand).

Die klassichen Sieben Sachen der klassischen Freien Künste sind:

  • Eine Rute bzw. Peitsche – sie symbolisiert die Grammatik
  • Tafel und Griffel (oder Lorbeerkranz) – symbolisch für die Rhetorik
  • Schlange oder Hundekopf – für die Dialektik (oder Logik)
  • Rechenbrett oder Rechenseil – steht für die Arithmetik
  • Zirkel oder Staubtafel – für die Geometrie
  • Ein Musikinstrument – für die Musik
  • Ein Astrolabium – für die Astronomie

Die ersten drei dieser sieben freien Künste gehören zum so genannten Trivium (die folgenden vier werden als Quadrivium bezeichnet). Heute wird das Trivium als eine historische Einteilung von Studienfächern angesehen, doch die Schriften deuten darauf hin, dass es früher einen völlig anderen Stellenwert hatte. So wird berichtet, dass der römische Feldherr Caesar einen Legionär dabei „erwischte“, wie selbiger einem Sklaven „das Trivium beibrachte“, weil er sich davon versprach, dass der Sklave effizienter und besser zu arbeiten vermögen würde. Caesar war so erbost, dass er dem Legionär androhte, er würde ihn auspeitschen und den feindlichen Barbaren überlassen, sollte er ihn noch einmal dabei erwischen, einem „Niederen“ die „hohe Kunst des freien Denkens“ zu eröffnen. Daraus ergibt sich der Hinweis, dass es sich beim Trivium nicht nur um eine Art „Lehrplan“ mit Schulfächern handelt, sondern es handelt sich um eine „Technik des Denkens“.

Aus dieser Tradition, diese Künste (als Grundlage zum freien Denken) zu studieren, dann die sieben Sachen zu packen und auf Wanderschaft zu gehen, entstand in vielen „kunstfertigen Berufen“ die Tradition der Wanderschaft (bzw. Walz) der Lehrlinge und/oder Gesellen. Übrigens unterschieden sich auch die Maurer und die FREImauerer hauptsächlich dadurch, dass die Maurer Handwerker waren, während die Freien Maurer jene waren, welche diese freien Künste studiert hatten.

Ich werde mich hier wohl noch eingehender mit verschiedenen Aspekten dieser Thematik, die ich jetzt nur mal grob angerissen habe, befassen. Vorerst ist der wirklich zentrale Punkt dieser „historischen Details“, dass die Mystik keineswegs ein schwurbelig-ungreifbares Süppchen ist, das man sich aus irgendwelchen Fantasievorstellungen zusammenköchelt, sondern es handelt sich tatsächlich um eine „Wissenschaft“ mit ganz sachlichen Werkzeugen des Geistes. Grammatik, Rhetorik und Dialektik sind Begriffe, die wir wohl nur noch grob im Deutschunterricht oder beim Fremdsprachenlernen am Rande anschneiden, doch es handelt sich EIGENTLICH um die drei Kernfragen: Wie ist etwas in seiner Natur? Wie erscheint es dem Beobachter/Zuhörer? Und wie wirkt es sich aus?

Dem aufmerksamen Beobachter mag auffallen, dass der Unterschied zwischen „männlicher“ und „weiblicher“ Denkweise eher im dritten Punkt des Triviums zu vermuten wäre, jedenfalls nach moderner Auffassung. Da wird den Männern gerne ein Hang zur Logik diagnostiziert, während man bei den Frauen eher den Schwerpunkt auf die Dialektik (den Dialog) legen möchte. Doch in der klassischen Mystik ist das sowohl falsch, als auch unwahr. Dass Frauen nicht zu den freien Bürgern zählten, hatte weltanschauliche Gründe. Ihnen war weniger der Zugang zum „Freisein“ vorenthalten, sondern sie hatten einfach nicht die Möglichkeit, Bürger zu sein, denn sie waren etwas völlig anderes, nämlich Frauen. Über lange Epochen hinweg ging manN davon aus, dass der weibliche Verstand nicht zum Denken befähigt ist. Darüber können wir lamentieren und jammern, aber es nutzt wenig. Freuen wir uns lieber darüber, dass heutzutage die meisten Menschen, wenn auch tatsächlich noch längst nicht alle, tatsächlich davon ausgehen, dass weibliche und männliche Gehirne rudimentär die gleiche Grundbefähigung zu ihrer Nutzbarkeit mitbringen.
Die Mystikerinnen des Mittelalters fand man in Klöstern, und sie studierten durchaus alle diese Künste, auch wenn sie natürlich, wie die Männer auch, ihre eigenen Vorlieben hatten. Sie stellten eine gewisse Form von „Subkultur“ dar, denn sie waren keineswegs anerkannte Denkerinnen, auch wenn manche von ihnen im Nachhinein „heilig gesprochen“ wurden, sondern wenn sie mal etwas sagten oder schrieben, was einem Mann bemerkenswert vorkam, dann wurde es nicht der jeweiligen Frau zugesprochen, sondern dem Geist Gottes, der durch sie sprach, weil sie, als Frau, die Fähigkeit hatte, sich jenem zu öffnen und hinzugeben.

In dieser mittelalterlichen Sichtweise stecken wir bis heute fest, auch wenn wir uns einbilden, wir hätten grosse Fortschritte gemacht. „Weibliche Mystik“ ist ein beinahe nicht vorhandenes Randthema. Und das ist auch richtig so! Denn MYSTIK ist geschlechtsneutral. Ich will noch einmal darauf hinweisen, was Mystik ist: es handelt sich um das Suchen und Finden des Absoluten. Zum Beispiel absoluter Wahrheit. Es liegt in der Natur der Sache, dass eine absolute Wahrheit nicht geschlechtsspezifisch sein kann. Doch stellt sich die Frage, ob der Weg zur Erkenntnis des Absoluten bei Frau und Mann unterschiedlich ist?

Sicher ist: Wer sich auf die „mystische Reise“ begeben will, der braucht dazu die notwendigsten Ausrüstungsgegenstände, um das Absolute vom Relativen unterscheiden zu können, und welche das sind, und ob es wirklich notwendig ist, Grammatik und/oder Astronomie zu studieren, darüber schreibe ich dann in meinem nächsten Eintrag (der diesmal hoffentlich nicht wieder ein halbes Jahr auf sich warten lässt 😉 )

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s